One night to Bangkok

Erstellt am Dienstag 5. Juni 2007 von Drexi.
Kategorien: Urlaub.

Die Rucksäcke waren gestopft, die Tickets gekauft und die Vorfreude groß. Entspannt (die einen mehr, der andere weniger) von 5 Tagen nichts tun, waren wir voller Tatendrang und bereit, Bangkoks Nächte unsicher zu machen.
Einfach mit der Fähre rüber auf’s Festland nach Surat
Thani
, dann in den Nachtzug 1. Klasse einchecken, um am nächsten Morgen ausgeruht in der 10 Millionen Metropole einzutreffen.

Eintracht

Doch es kam alles anders:

Als wir beschwingt am Bahnhof von Surat Thani eintrafen, wurden wir im feinsten Thai-Englisch darauf hingewiesen, dass es zu einem Zugunglück weiter südlich gekommen ist und dass auf Grund dessen der gesamte Schienenverkehr auf dieser Strecke zum erliegen käme. (”No train go Bangkok, early train accident)
Nachdem der Ärger über unser Unglück, dem Gefühl der Erleichterung wich, dass wir nicht in dem verunglückten Zug saßen, waren wir zunächst ratlos, wie wir unsere Reise nun vorsetzen würden können. Wir waren gestrandet in einem Außenbezirk von der Middle of Nowhere, in dem die Gehsteige aber schon sowas von hochgeklappt waren (es war zwischenzeitlich nach 22 Uhr). Kein Leben, keine Hotels, einfach nichts. Ich fühlte mich unweigerlich an meinen ersten und gleichzeitig letzten Besuch im BRIK zurückerinnert.
Glücklicherweise haben die Thailänder immer eine Lösung parat, die man aber meist retrospektiv bereut oder zumindest teuer bezahlt (im eigentlichen und/oder im weitesten Sinne).
Ein freundlicher Thai bot an, uns gegen einen geringen Aufpreis, verglichen mit dem Zugticket, mit einem Minibus nach Bangkok zu fahren. Wir hatten uns relativ schnell auf einen Fahrpreis geeinigt, da wir unverzüglich einsehen mussten, dass wir es mit einer thailändischen Version Kofi Annans zu tun hatten, zumindest was sein Verhandlungsgeschick betraf. Zugegeben fällt das auswählen einer aussichtsreichen Verhandlungstaktik etwas schwer, wenn die offensichtlich einzige Alternative darin besteht, im Bahnhofsviertel auf dem Boden zu schlafen, ohne zu wissen, ob am nächsten Tag die Züge wieder fahren würden.

dsc00494.JPG

Anschließend machten wir einen folgenschweren Fehler:
Wir zahlten als erstes, um uns die besten Plätze sichern, da eine Handvoll Backpacker mit dieser so scheinbar praktischen Lösung des Minibuses liebäugelten. An der Romantik der 7. Klasse Schullandheimbusfahrten festhaltend, sind wir einhellig zum Schluss gekommen, dass die letzte der 3 Reihen, die beste, respektive coolste war. Als wir bemerkten, dass wir mit Abstand die schlechtesten aller Plätze ausgewählt hatten (kein Platz, Gepäck fiel auf unsere Köpfe, kein direkter Zugang zum Ausgang, keine Möglichkeit der Kommunikation mit dem Fahrer), war der sprichwörtliche Zug schon abgefahren und die anderen Insassen hatten Ihre Plätze schon eingenommen.

Am Beifahrersitz nahm Piotr Platz, ein unsympathischer Typ aus dem osteuropäischen Raum, der sich innerhalb der ersten Stunde Fahrt eine Flasche Mekong Whiskey reinstellte. Direkt dahinter saßen seine zwei Ischen, nennen wir Sie spaßeshalber einfach mal Olga und Aleksandra. In der darauffolgenden Mittelreihe saß auf der linken Seite eine backpack-erfahrene, französische Weltenbummlerin, die sich in weiser Voraussicht eine Valium schmiss, bevor die Fahrt überhaupt begonnen hatte. Neben Ihr, Hanni & Nanni aus dem skandinavischen Raum, die augenscheinlich zu naiv waren, um nachvollziehen zu können, auf was sie sich hier gerade eingelassen hatten. In der hintersten Reihe, eingepfercht wie Ölsardinen, Mäx, Tom und ich. Eine akute Thrombosegefahr war nicht von der Hand zu weisen.

enges Höschen

Die Fahrt:

Die erste Stunde ging sich eigentlich ganz chillig an: Jack Johnson schallte aus den Tieftönern und die Geschwindigkeit war akzeptabel, der Verkehr überschaubar. Doch mit dem Musikwechsel zu undefinierbarem Rock, ging ebenso ein Wechsel des Fahrstils einher, sowie eine merkliche Beschleunigung. Wir hatten die “Autobahn” erreicht.
Das Geld für die Straßenmarkierung hätte Thailands Verkehrsminister getrost an seinen Kollegen des Gesundheitswesen abtreten können oder sonst anderweitig investieren sollen, da diese Markierungen bei den Thailändern in etwa so viel Beachtung finden, wie Extremscheitel, der als erstes Getränk einen Schnitt an der Bar bestellen möchte. Grundsätzlich erinnerte der Zustand der Straße doch sehr an die Highways zu Zeiten Familie Feuersteins. Auch die Stoßdämpfer entstammten offensichtlich derselben Schmiede, die auch Barney Geröllheimer belieferte. Die Tatsache, dass wir während der 700 Kilometer langen Fahrt an fünf Unfällen vorbeirasten, schmälerte unsere Zuversicht, die Odysee unversehrt zu überstehen.

Jeder von uns hatte seine ureigene Strategie entwickelt die zahlreichen Nah-Todes-Erfahrungen zu verarbeiten und die Nervosität zu besiegen:
Ich schaffte es, meine geschätzten 189 tot geglaubten Mückenstiche, wieder neues Leben einzuhauchen, indem ich pausenlos an ihnen herumkratzte. Tom brachte sich mit Hilfe seiner Musik in einen quasi transzendental-meditativen Zustand. Mäx hingegen versuchte, psychologisch recht interessant, das Geschehen auf der Straße so detailliert zu schildern, wie einst Herbert Zimmermann das Wunder von Bern im Wankdorfstadion ‘54.
Tom würde Frau und Kind hinterlassen, Mäx würde Steffi zum Witwendasein verdammen und ich hatte eigentlich auch nicht vor im zarten Alter von 27 das Zeitliche zu segnen.
Zweifellos kannte der Fahrer die Strecke im Schlaf. Um jedoch sicher zu gehen, dass er diese Redewendung nicht allzu wörtlich nehmen würde, wollten wir ihn bei der ersten Rast auf seine Fahrtüchtigkeit überprüfen.
Gesagt, getan.
Der erste Stop ließ etwa 2 Stunden auf sich warten und nachdem er aus dem Wagen gestolpert war, schaute ich in seine Bud Spencer Augen und fragte im feinsten Oxford Englisch, ob er nicht müde sei und eine Mütze voll Schlaf nicht angebracht wäre. Alles, was ich erntete, war ein :”Not tire”.
Er war in etwa so glaubwürdig, wie einst Mohammed Said El Sahhaf, der irakische Informationsminister, der seinem Volk und der ganzen Welt versicherte, der Krieg wäre so gut wie gewonnen, während seine Landsleute zeitgleich das Saddam Hussein Denkmal vor dem Hotel “Palestine” stürzten.

Es änderte sich daraufhin nicht allzu viel. Man wurde den Verdacht nicht los, der Fahrer hätte sich die letzten 20 Stunden auf einer Full Moon Party vergnügt und zeitweise kam ich mir vor als säße ich in Flug 193, der auf das Pentagon zusteuert und verspürte das dringende Bedürfnis, meine Mutter anzurufen, um Ihr zu sagen, wie sehr ich sie liebte.

Gefühlte 27 Stunden später (tatsächlich waren es ungefähr 9), kamen wir dennoch unversehrt in Bangkok an.

Unter akutem Schlafmangel leidend, dankten wir Budda, Gott und Mohammed. Kurz überlegten wir uns, den Boden zu küssen, verwarfen diese Idee allerdings ebenso schnell wieder.
Es steht außer Frage, dass uns diese Fahrt, mindestens 5 Jahre unseres Lebens gekostet hat. Aber wenn man länger darüber nachdenkt, ist es eigentlich ein fairer Preis.

http://www.facebook.com/photo.php?pid=480166&id=650512637

1 Kommentar

Alex
schreibt am Montag 2. Juli 2007.

Looks like you guys were getting into all sorts of fun trouble over there! The back of the bus isn’t always best for the cool kids! ;-)

Einen Kommentar hinterlassen

Die Angabe von Name und Email (wird nicht veröffentlicht) ist erforderlich!

Kommentare dürfen die fogenden XHTML Tags enthalten:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>